"Feste, feste!", so erklingt die quäkige, nahezu verzerrt klingende Stimme von Hombre, dem kleinsten der Zwerge. Immer und immer wieder Imperativ. "Feste, feste!" Der Ansporn zu noch härterem Durchgreifen und noch mehr Chaos. Zwischendurch ertönt sein schrilles Gackern, sein haarsträubendes Gelächter, das durch Mark und Bein fährt. Und immer wieder "Feste, feste". So tönt es immerfort während des buchstäblichen Zwergenaufstands, den hier Werner Herzog in seinem surrealen Meisterwerk "Auch Zwerge haben früh angefangen" inszeniert. "Feste, feste!"

Der Zwergenaufstand wird geprobt, weil eine Gruppe Erziehungsheiminsassen in einer anonymen Provinz nicht am geplanten Ausflug teilhaben darf und in den baufälligen Gebäuden zurückbleiben soll. Doch kaum sind die hinterlassenen Kleinwüchsigen alleine mit ihrem Erzieher, schon kippt die Situation ins chaotische: Die Zwerge sperren den Erzieher in seinem Bungalow ein, dieser kann allerdings gerade noch einen der Insassen mit in sein Exil nehmen. Telefonisch abgeschnitten von der Außenwelt muss der ebenfalls zwergenhafte Erzieher zusammen mit dem gefesselten und in Lethargie befindlichen Pepe die Rebellion der undisziplinierten Kleinen mit ansehen. Diese verwüsten die Privaträume der Autoritäten, suchen sich Erotikheftchen aus den Schubladen ihrer Aufpasser zusammen, kapern einen kleinen PKW-Bus, den sie in einem immerwährenden Rund fahren lassen und stürzen die Lieblingspalme des Erziehers. Später wird ihr Handeln immer destruktiver: Pflanzen werden in Brand gesetzt, Schreibmaschinen kaputt getreten, Teller zerschmettert, das Essen zum Matschen, Schmeißen und Spielen verwendet, Fenster eingeschlagen und es wird sogar ein Affe gekreuzigt.

Woher all der Hass der Kleinwüchsigen? Ihre Zerstörungswut scheint sich nicht auf eine Person zu konzentrieren, denn der aufgeregte Erzieher wähnt sich zwar ab und an in Gefahr, wird aber nie wirklich Ziel einer Attacke. Viel eher, und das wird besonders bei der Tafelszene deutlich, bei der die Zwerge nach einem Tischgebet das Essen nicht zu sich nehmen, sondern es durch die Luft wirbeln, richtet sich ihre Ablehnung und ihr Zorn gegen all die von und für Menschen nutzbar gemachten Gegenstände des alltäglichen Lebens. Die Zwerge leben nicht nur in einer Welt, die sie selber nicht geschaffen haben, sondern auch in einer Welt die defakto nicht für sie geschaffen wurde. Als Hombre mit einer gleichgroßen Frau in ein Schlafzimmer gesperrt wird, um den Geschlechtsverkehr der beiden durch die restlichen, gickernden Insassen zu forcieren, scheitert der Koitus schon daran, dass Hombre das viel zu hohe Bett nicht erklimmen kann.

Dass der Film nicht von den Ungerechtigkeiten der Minderheit der Zwergen in unserer Gesellschaft berichten will, macht die Besetzung zweier "normaler" Rollen durch Kleinwüchsige deutlich: Sowohl eine unbeteiligte Autofahrerin, als auch der Erzieher sind ebenfalls von kleinem Körperbau. Dadurch wird Regisseur Werner Herzogs Kulturpessimismus eindeutig. Die Menschheit wird als herumtollende, ziellose Rebellen dargestellt, ihre kindliche Physis und Phonetik scheint buchstäblich den Anforderungen ihrer Umwelt nicht gewachsen zu sein. Sie sind weder körperlich in der Lage mit der Welt um sie herum umzugehen, noch entsteht eine halbwegs konstruktive Kommunikation. Das wilde Durcheinander voller Kichern, Gebrabbel und Johlen klingt wie die befreite und spielerische Akustik auf einem Schulhof: Wörter sind kaum zu vernehmen, eher Laute voller artikulierter Freiheit, Lust und Tatendrang. Der Tatendrang in diesem Falle sei zerstörerisch zu verstehen.

Die Gesellschaft, die Herzog hier allegorisch zeichnet, scheint die zusammenbrechende 68er-Generation zu sein. Doch welche Absicht hinter Herzogs Gesellschaftsporträt liegt, ist egal: Die infantile, kurzsichtige Aggression scheint universell auf jeden in blinder Wut handelnden Menschen anwendbar. Das Ausbrechen aus einer Erziehungsanstalt bietet Möglichkeiten zur Interpretation des Films als episodische Destruktion der Sitte und der Hierarchie. Der Verrückte, oder gar der Entstellte regiert die Welt. Die Welt ist unbequem und zu riesig und so haben die Aufständigen in "Auch Zwerge haben klein angefangen" keinen persönlichen Feind, den sie anzugehen haben. Sie haben keine Lösung für die Probleme, finden keinen Trost, sondern entladen ihren Frust in einer alles beinhaltenden Zerstörungsaktion.

Herzogs Film beginnt mit einem herrlich simplen "establishing shot", bei dem nicht nur das Gelände der Anstalt gezeigt wird, sondern bei dem auch noch handschriftliche Notizen einen Lageplan des Spiels des Films bieten. Gleich danach folgt bereits das polizeiliche Verhör. Wir sind chronologisch bereits am Ende angekommen: Der Aufstand ist vorbei und Hombre verweigert trotzig seine Aussage. Diese Szenen stehen absichtlich am Anfang, damit das Ende apokalyptischer und grausiger nachwirkt: Am Ende von "Auch Zwerge haben klein angefangen" herrscht ein universelles Chaos. Ein Kamel setzt sich inmitten des Hofs, verschiedene Zwerge haben sich mit Hühnern beworfen, sogar die blinden Leidensgenossen werden gehänselt und geschlagen. Und inmitten dieses Weltuntergangsszenarios steht wieder der klitzekleine Hombre, der wieder "Feste, feste" fordert und einen minutenlangen Lachanfall hat. Die abstoßende Akustik dieses Lachens wird noch ebenso lang in dem Gedächtnis des Zuschauers bleiben, wie die vielen schockierenden und bösartigen Bilder dieses intelligenten, surrealistischen Dramas.