Originaltitel: Ancient of Days. USA, 1981. Regie: Bill Viola. Kamera: Bill Viola, Kira Perov. Farbe. 12 Min.
Ein Holztisch in der Wüste verbrennt, bis nur noch die Glut des Feuers übrig ist – Doch dadurch, dass die Zerstörung rückwärts auf diesem Videoband wiedergegeben wird, wird aus Destruktion ein schöpferischer Vorgang: Aus einem Haufen Schutt und Asche entsteht per Zauberhand ein exakt getischlertes Möbelstück, auf dem sogar eine Teetasse und ein Wecker Platz finden. 12 Stunden vergehen am Beispiel einer Aufnahme eines Obelisken innerhalb von zwei Minuten, in dem Viola immer wieder schrittweise Stunden in die Zukunft blickt. Im dritten Filmbild vergeht ebenfalls ein Tag. Von der frühen Morgensonne bis zur Nachtschwärze sehen wir jede Abstufung des Tagesrhythmus. Doch wird diesmal der konzentrierte Zeitvorlauf innerhalb einer Bewegung von links nach rechts, aus einem Hochhausfenster heraus gefilmt. Die Bewegung dauert wieder lediglich zwei Minuten, doch erfasst sie das Schauspiel ganzer 12 Stunden. Als nächstes muss ein gigantischer Berg am Horizont die verschiedenen Belichtungsphasen der Sonne im Tagesablauf über sich ergehen lassen, während unter ihm im Vordergrund ein Junge in unmanipulierter und kontinuierlicher Zeitabfolge spielt. Das Bild des Berges wird am Ende eingefroren und findet sich als digitale Leuchtreklame über einem japanischen Boulevard wieder. Das Treiben und Flanieren auf der belebten Tokioer Straße fängt Viola per Zeitraffer ein. Als letztes Bild sehen wir drei Gegenstände, die sich zeitlich unabhängig voneinander verhalten: Im Zentrum der Videolinse sehen wir eine Uhr, deren laut klingendes Uhrenwerk einen konstanten, zeitlich exakten Rhythmus vorgibt und scheinbar keinerlei Trickserei auf temporärer Ebene zulässt. Dennoch verändert sich die Wolkendecke auf dem Gemälde im Hintergrund außerhalb der logischen Zeitabfolge.
Dieses experimentelle Videotape von Bill Viola nennt sich "Ancient of Days" und ist eine komplexe und technisch hochgradig komplizierte Meditation über den Unterschied zwischen natürlicher Zeit und subjektiver Zeit. Speziell motorisierte Zoom-Kameras mussten beispielsweise für den Schwenk über die japanische Innenstadt hergestellt werden. Wichtig bei "Ancient of Days" ist die ständige Brechung von zeitlichen Konstanten: Während die Tonspur immer eine unmittelbare Konstante simuliert, sind die Bilder eindeutig aufgebrochen, zeitlich manipuliert und lügnerisch. Während beispielsweise das Tickern des Uhrenwerks im letzten Abschnitt von "Ancient of Days" uns ein unwiderlegbares Beispiel für natürliche, exakte Zeit gibt, scheint auf visueller Ebene das Unmögliche möglich. Landschaften verändern sich, Bewegungsabläufe werden umgekehrt; der Blick über die City in seinem zeitlichen Andauern durch das zeitlich Unkonstante, was er einfängt, pervertiert. "Ancient of Days" ist technisch überragend und in seiner metaphorischen Überlegung herausfordernd und intelligent. "Ancient of Days" ist wahrscheinlich filmtheoretisch eine der wichtigsten Grundlagen über die Manipulation, Eindeutigkeit und Konstanz der Zeit im Film oder auf Video.